
Über ein Jahr ist es nun schon her, dass ich voller Vorfreude vom Erscheinen von „Dreamfall: The Longest Journey“ berichtete, dem lange erwarteten Nachfolger meines Lieblings-Adventures „The Longest Journey“ (TLJ). Vorvorgestern habe ich das Spiel endlich beenden können. (Nein, ich habe kein ganzes Jahr gebraucht, das Spiel durchzuspielen, ich hatte nur vorher einfach keine Zeit überhaupt anzufangen.) Bin ich begeistert? Ja, auf jeden Fall! Trotz einiger Schönheitsfehler.
Aber der Reihe nach: Die Handlung beginnt zehn Jahre nach den Ereignissen von TLJ. Wir begegnen Zoë Castillo, die, nachdem sie ihr Studium abgebrochen hat, wieder bei ihrem Vater im Casablanca von 2219 lebt. Ziellos lebt sie in den Tag hinein, ohne zu wissen, was sie mit der Zeit und sich selbst anfangen soll. Ihre Langeweile wird aber eines Tages unterbrochen von einer seltsamen Störung, die sie auf verschiedenen Fernseh-Bildschirmen sieht, in der ein gruseliges kleines Mädchen immer wieder sagt: „Finde sie! Rette sie!“
Dann entdeckt Zoë im Apartment ihres Ex-Freunds Reza, einem Journalisten, auch noch eine tote Frau und andere Ungereimtheiten. Reza, der an einer heißen Geschichte arbeitete, ist verschwunden. Auf der Suche nach ihm landet Zoë nicht nur im inzwischen heruntergekommenen Venice/Newport (einer der Hauptschauplätze aus TLJ), sondern auch in der märchenhaften, magischen Parallelwelt Arcadia, wo sie auf die nun zehn Jahre ältere und stark veränderte April Ryan (die Hauptprotagonistin des ersten Teils) trifft. In Arcadia geht es alles andere als märchenhaft zu, wobei die dramatischen Geschehnisse in den beiden Zwillingswelten nur auf den ersten Blick ohne Zusammenhang scheinen…
The Future Holds Secrets Only the Past Can Reveal.
So viel zur Story, um nicht zuviel zu verraten. Die unglaubliche wie grandiose Geschichte ist mit Sicherheit die Stärke von „Dreamfall“. Ich war sehr schnell an einem Punkt, an dem ich einerseits unbedingt spielen wollte, um herauszufinden wie es weitergeht, aber zum anderen eine Pause brauchte, um die Intensität des Geschehens einsinken lassen zu können.
Man steuert im Spielverlauf gleich drei Charaktere: Zoë, April und manchmal auch Kian, den missionarischen Assassinen aus Arcadia. Zwar hebt die DVD-Verpackung neben den drei steuerbaren Figuren auch die „Veränderbarkeit des Spielverlaufs“ hervor, doch im Grunde ist das Spiel sehr linear. Das empfand ich aber nicht unbedingt als Nachteil, gerade bei einem Spiel, das so sehr von der komplexen Schlüssigkeit seiner Story lebt wie „Dreamfall“ wären bei (spielverlaufsentscheidenden) unterschiedlichen Lösungswegen wohl einige wichtige Informationen verloren gegangen.
Das Spiel profitiert auch von der wunderschönen Ausarbeitung der verschiedenen Welten. Fantasievoll gestaltete 3D-Schauplätze tragen zusammen mit einem traumhaften, orchestralen Soundtrack zu einer atmosphärischen Dichte bei, wie ich sie noch in keinem Spiel zuvor erlebt habe. Auch die Charaktere sind toll gezeichnet (visuell manchmal ein wenig zu eckig-polygonal, was wohl an der parallelen Entwicklung für die Xbox liegt). Nur Zoë hätte spätestens nach ihrer ersten Ankunft im magischen Arcadia ein wenig auf die für sie typische Apathie verzichten können.

Sometimes We Have to Trust That Things Will Be Ok.
So positiv Story und Atmosphäre aufgenommen wurde, so sehr wurde „Dreamfall“ für sein Gameplay kritisiert. Die Rätsel seien zu simpel, das Spiel sei im Grunde ein mehr oder weniger interaktiver Film. In diesen Punkten muss ich den Kritikern Recht geben (und ich bin keine geübte Hardcore-Gamerin, die kaum Herausforderungen mehr kennt). Wobei: den Großteil der Rätsel kann man nicht mal direkt zu leicht oder gar schlecht nennen, man wird als Spieler aber fast ständig an der Hand genommen und hindurchgeführt. Oft bekommt man haargenau vorgesagt, was als nächstes zu tun ist und wie, manchmal sogar vom eigenen Charakter, den man gerade steuert. Dem Spieler bleibt dann nur die Rolle als ausführende Kraft. Oder: man darf nach einer der längeren, schön choreografierten Videosequenzen endlich wieder spielen, geht zwei Schritte, öffnet eine Tür und startet damit gleich die nächste längere Videosequenz. Vielleicht soll diese Art der Hilfestellung dazu dienen, die Handlung im Flow zu halten – das hat zumindest funktioniert.
Bevor ich die erneute Reise nach Stark und Arcadia antrat, war ich skeptisch, ob mich ein Adventure ohne Point-and-Click-Steuerung begeistern könnte, aber ich bin jetzt bekehrt. P&C mag bewährt und stressfreier sein, aber ich komme als Spieler, obwohl ich die Figuren durch das Spiel steuere, nie ganz aus der Position des distanzierten Betrachters heraus. Doch durch die 3D-Direct-Control-Steuerung (auch wenn sie manchmal etwas hakelig war) konnte ich plötzlich wirklich ein Teil des Spiels sein, ich habe alles aus der gleichen Persektive gesehen wie meine Figur, alles war dynamischer, freier – einfach natürlicher.
Es ist natürlich schwierig, ein Spiel vom Gameplay her auf zwei so unterschiedliche Zielgruppen auszurichten und es beiden Recht zu machen: auf der einen Seite die typischen Adventure-Gamer, die ihre ‘Abenteuer’ lieber ganz ohne Stress, Zeitdruck und Adrenalinausstöße erleben, auf der anderen Seite die Leute, die bisher actionlastigere Spiele gewohnt waren und die ein klassisches Adventure ohne Action, aber voller schwerer Knobelrätsel schnell gelangweilt-frustriert abschalten würden. Leider ist genau dieser Spagat das, was bei „Dreamfall“ nicht so gut funktioniert. Die paar Kampfeinlagen, die im Spiel vorkamen, waren leicht genug für mich (und das heißt wahrscheinlich, dass ein kampferprobter Spieler sie zu leicht findet), während sich viele Adventure-Freunde, wie schon erwähnt, um anspruchvollen Rätselspaß betrogen fühlen.

Faith Will Bring You Where You Are Needed the Most.
Das Ende von „Dreamfall“ ist sehr berührend, auf eine melancholische Art und Weise. Mein Herz seufzt jetzt noch leise auf, wenn ich daran denke. Es war auch ein sehr offener Schluss, was mich im Gegensatz zu vielen anderen nicht gestört hat. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich zu dem Zeitpunkt schon wusste, dass zum einen das Ende mehr Fragen aufwirft als beantwortet und zum zweiten in absehbarer Zukunft die „Dreamfall Chapters“ erscheinen werden, also der dritte Teil der TLJ-Saga. Der Mittelteil einer Trilogie hat nun mal das grundsätzliche Problem, dass er die Spannung auf das große Finale vorbereiten muss. Wie gut dieser Mittelteil letztendlich ist, fällt und steigt also damit, wie gut der dritte Teil die losen Fäden aufgreift und zu einem schlüssigen, befriedigenden Ende zusammenknüpft.
Mein Fazit? In meinem alten Post zum Thema habe ich geschrieben: „So lange die Geschichte mich noch so in den Bann zieht, die märchenhafte Atmosphäre mich so verzaubert und das Spiel mich so in seine Welt eintauchen lässt wie es bei “The Longest Journey” der Fall war, dann bin ich zufrieden.“ Und genau das hat „Dreamfall“ spielend erreicht. Es ist auf jeden Fall eines meiner Lieblings-Computerspiele geworden, wenn nicht gleich mein neues Lieblingsspiel. Ich gebe ihm 4,5 von 5 Sternenstaubkörnchen.
In ein paar Monaten werde ich es bestimmt nochmal durchspielen, um die Geschichte und Welten und Charaktere ein zweites Mal erleben zu können. Und hoffentlich kommt dann schon bald der angekündigte dritte Teil der Saga, um diese große Geschichte zu einem großen Ende zu führen.
(Bilder von www.dreamfall-game.de)
