Wie wird unsere Welt in naher Zukunft aussehen? Eine Frage so alt wie die Entdeckung, dass man wilde Tiere leichter erlegt, indem man mit Speeren auf sie wirft anstatt mit rohen Steinen. Von all den Visionen, die sich im Lauf der Zeit angesammelt haben, finde ich dabei die aus den 1960ern besonders faszinierend, einer Zeit als die Wunderwerke der Technik begannen in die Haushalte der Mittelklasse Einzug zu halten. Auch wenn es ein wenig gemein ist, sich über die Vorstellungen der Menschen damals lustig zu machen (die Prognosen von heute werden in einigen Jahren auch zur allgemeinen Heiterkeit beitragen), finde ich es immer wieder bemerkenswert, wie zukunfts- und technikgläubig die Leute damals waren – und für wie unvorstellbar sie es offenbar hielten, dass sich parallel zur Technik auch Geschlechterrollen und Mode ändern können.
In diesem kleinen Ausschnitt aus dem Kurzfilm “1999 A.D.” von 1967 könnte die Küche zwar aus einem Science-Fiction-Bilderbuch stammen, aber es steht wie gehabt die adrette Ehefrau und Mutter mit 60er-Jahre-Frisur darin, die an ihren künstlichen Blumen riecht und sich gleichzeitig brav darum kümmert, dass der Herd das Essen für die liebe Familie kocht:
Aber wenigstens darf die Frau mit Hilfe ihres Bildtelefons auch bequem shoppen gehen, während der Mann ob der ganzen Rechnungen, die er bezahlen darf, bestürzt auf seine drei Monitore starrt:
Die vorhergesagte “Zukunft” scheint oft ganz einfach die Gegenwart zu sein, in der nur die Technologien weitergedacht wurden, die zur Zeit der Prognosen gerade der letzte Schrei sind. Diverse dystopische Vorstellungen beziehen noch das Verhältnis Staat-Wirtschaft-Bürger oder Veränderungen von Klima und Umwelt in das Bild mit ein – wobei gerade letztere dann auch nur wieder als Auswirkungen von Technik dargestellt werden. Grundlegende gesellschaftliche Werte wie Rollenvorstellungen (sowie das herrschende Mode- und Stilempfinden) werden vergleichsweise selten in Frage gestellt. Doch wieso ist das so? So langsam dürfte doch bekannt sein, dass sich im Lauf der Zeit immer alle Aspekte des Lebens verändern und dabei auch gegenseitig beinflussen.
(Via Media-Ocean)

Das ist ja zum Beispiel auch in “Star Trek” so, wo auch in der Zukunft Lt. Uhura selbstverständlich ein knappstes Röckchen trägt und Captain Kirk stets die neuesten Daten bringt. Bei den Beinen aber verzeihlich!
Ernsthaft, zum Einen hat man gerade im TV natürlich mit den Moralvorstellungen der Zeit der Produktion zu kämpfen. Auch wenn man sich also vorstellen kann, daß in der Zukunft Frauen ohne Zustimmung von Männe arbeiten gehen dürfen, darf man das dann noch lange nicht zeigen.
Zum Zweiten haben viele Autoren vielleicht Ahnung von Technik und Computern, aber machen sich wenig Gedanken um Soziologie und Psychologie, das ist ja auch noch schwerer vorherzusagen.
Und zum Dritten glaube ich, daß viele sich ganz einfach nicht bewußt sind, daß die Werte genauso dem Wandel unterworfen sind wie alles andere. Oder sie wollen es nicht wissen, denn wenn nicht mal die Werte fest sind, was ist es dann? Die Beispiele dafür sind Legion. Soll ich ein paar nennen? :)
Ich glaube, die Vorstellung von veränderten, liberaleren Werten hätte die Leute einfach zu sehr verstört. Besonders in konservativeren Zeiten boten moralische Werte ja eine eindeutige, verlässliche Ordnung und Struktur – an die auch so schön das eigene Selbstbild geknüpft werden konnte – weshalb sie von vielen Menschen womöglich als so ideal empfunden wurden, dass eine Veränderung unvorstellbar schien.
Im in solchen Zukunftsaussichten soll ja generell eine erstrebenswerte Welt dargestellt werden, kein verkommenes Sodom & Gomorrha, in dem Frauen gleichberechtigt sind, arbeiten gehen und ihre Kinder (wenn sie denn überhaupt welche haben) in den Kindergarten stecken.
Nicht nur in konservativeren Zeiten bieten scheinbar unveränderliche Werte Halt, das ist heute genauso, nur hat sich halt verschoben, was als unveränderlich gilt. Da kann Janeway zwar vielleicht die “Voyager” kommandieren, aber verfliegt sich trotzdem um schlappe 70.000 Lichtjahre :)
Aber es wundert mich auch, daß man solche Veränderungen in der Science-Fiction nicht öfter erforscht. Schließlich haben sie sich in Wirklichkeit nicht als Sodom und Gomorrha, sondern als das Gegenteil entpuppt, und heute gibt es zumindest bei uns viel weniger häusliche Gewalt, finanzielle Abhängigkeit, einseitiges Arbeiten etc.