Kürzlich bei Wired: Ich lese einen Artikel über Julia Allison, den Internet-Star, und denke als erstes: Wer?? Nach kurzer Recherche fällt mir wieder ein, dass Julia Allison die Frau ist, über die hierzulande zum Start des Sex and the City-Films als die Carrie Bradshaw des realen Lebens berichtet wurde. Ihre Bekanntheit hat sie in erster Linie ihrem Selbstvermarktungs-Talent sowie dem Internet zu verdanken, durch das heutzutage offenbar jeder seine Warhol’schen 15 Minuten Ruhm haben kann.
Beim Lesen der Artikel überkommt mich das unbestimmte Gefühl, nicht mehr so ganz am Puls der Internet-Welt zu sein. Und das, obwohl mich das Internet als Informations- und vor allem Kommunikationsträger fasziniert hat, seit ich zum ersten Mal davon gehört habe. Diese Möglichkeiten, Millionen von Menschen auf der ganzen Welt zu erreichen und mit ihnen in Kontakt treten zu können! 1994/95 war das; schon kurz darauf machte ich meine ersten virtuellen Gehversuche. Zunächst habe ich den Großteil der Zeit in Chats und Foren verbracht, aber dann auch relativ bald meine ersten HTML-Kenntnissen an eigenen, kleinen Websites ausprobiert. Gebloggt wurde unregelmäßig seit Anfang dieses Jahrzehnts und parallel dazu aufmerksam das Web 2.0 und weitere Entwicklungen verfolgt.
Inzwischen arbeite ich sogar in der Branche – trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, zunehmend dem Zug der neusten Trends der Netz-Kommunikation hinterherzulaufen anstatt wie gewohnt mitzufahren, und zwar ganz vorne im ersten Wagen. Eine Julia Allison beispielsweise kommuniziert aktiv über ihren Blog, über Facebook, über Twitter, über Videos… (ihr Playback-Auftritt als Arielle, die Meerjungfrau ist für mich jetzt schon ein Klassiker). Gerade hat sie mit zwei Freundinnen NonSociety gestartet, wo alle drei ausgiebig und multimedial von sich und ihrem Leben in New York berichten. Währenddessen habe ich schon Mühe, diesen Blog regelmäßig zu aktualisieren.
Es geht mir dabei nicht darum, ein Internet-Star zu werden. Ich würde mich zwar sofort mit einem Schwimmreifen an die Ostsee stellen und so tun, als würde ich Disney-Songs zum Besten geben, aber das Ganze auf Video aufnehmen und ins Netz stellen? Lieber nicht, dazu ist mir meine Privatsphäre dann doch zu wichtig. Mir geht es eher darum, zu wissen, was die Trends sind und sie auch zu leben. Schon allein aus rein beruflicher Sicht – schließlich muss ich für meinen Job wissen, wohin die Entwicklung geht – aber auch wegen der Faszination und der Neugier, die ich von Anfang an für das Medium hatte. Zum Beispiel Twitter: Ich kenne den Dienst, konnte mich aber bisher nicht dazu bringen mich anzumelden. Einfach, weil ich bisher keinen Sinn für mich darin erkennen konnte. Gibt es einen guten Grund für Twitter, den ich bisher so noch nicht gesehen habe? (Vielleicht habe ich auch einfach die falschen Freunde – von denen twittert nämlich keiner, soweit ich weiß.)
Überhaupt: Kommunikationsformen wie Chat/IM oder Ähnliches haben für mich schon länger ihren ursprünglichen Reiz verloren, sie sind inzwischen ein (zugegeben praktisches) Mittel zum Zweck, um schnelle Absprachen mit Leuten zu treffen, die ich sowieso schon kenne – und zwar IRL. Im Grunde ist das Internet inzwischen ein ganz alltäglicher Medienträger, dank dem sich das ‘echte Leben’ leichter organisieren lässt (wie auch durch Netzwerke wie Xing). Das ist eigentlich eine richtig gute Sache – und doch ist es schade, dass der leicht anarchistische Cyberspace-Zauber der 1990er Jahre so verflogen ist. Oder kommt mir das nur so vor und ich nehme vieles für zu selbstverständlich? Schließlich erfindet sich die Kommunikation im Netz immer wieder neu, und das in einem eigentlich unglaublichen Tempo. Ständig entstehen neue Technologien und Kommunikationsformen. Wahnsinnig spannend ist es also immer noch, wenn ich ehrlich bin. Man muss diese ganzen Möglichkeiten eben nur für sich zu nutzen wissen – so wie es auf ihre Weise auch Julia Allison macht, und das offenbar mit viel Spaß und sehr erfolgreich.
